Interkulturelle Gräben

Wo herausragende Nägel eingeschlagen werden

Sprachlicher Brückenschlag: Manchmal stehen Sprachbarrieren einem Verständnis anderer Kulturen im Weg – Redewendungen können aber auch Hinweise liefern, um kulturelle Gräben elegant zu überwinden. Kommen Sie den Kulturen von Japanern, Russen, Arabern und Amerikanern auf die Schliche – mittels ihrer Sprüche.

Dieser Artikel wurde im EB NAVI Magazin von November 2016 veröffentlicht.
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Text Noureddine Yous*

Interkulturelle Gräben

Unsere japanische Muster-Frau heisst Itsuko. Stellen Sie sich vor, Sie fragen sie, ob sie sich mit Ihnen zum Abendessen treffen möchte. Sie antwortet mit «chotto» und kichert dabei verlegen. «Chotto» bedeutet auf Japanisch «ein wenig». Ein wenig Abendessen? Meint sie etwa ein leichtes Abendessen, also einen Snack oder so? Oder meint sie eher nein? Was soll diese Zweideutigkeit, wie viel leichter wäre doch ein ja oder nein.

Itsukos Antwort war in der Tat eine klare Absage – und dies ohne nein zu sagen.
Pikanterweise wird Ambiguität, also Doppeldeutigkeit, in den westlichen Kulturen eher vermieden. Besonders schwer damit tun sich die Deutschen, denn zur deutschen Kultur gehört «Z.D.F.»; nicht der Fernseh-Sender ist hier gemeint, sondern Zahlen, Daten und Fakten. Der Deutsche strebt nach Klarheit, Gewissheit, Planung und nach Effizienz in der Kommunikation.

Für Itsuko hingegen hätte es gestimmt, wenn sie statt «chotto» «es ist schwierig» gesagt hätte oder auch gar nichts. Beides wäre ebenfalls als Korb zu verstehen. Die stets Harmonie suchenden Japaner scheuen jedoch das Nein. Ablehnung birgt das Risiko des Gesichtsverlustes für den Gesprächspartner und steht im Widerspruch zum Leitspruch «Kao o tateru»: «Das Gesicht soll gewahrt werden». Wertschätzung ist in Beziehungen oberste Maxime, Gesichtsverlust ist um jeden Preis zu vermeiden. Die interkulturellen Gräben lassen grüssen.

The winner takes it all

Die japanische Kultur geformt haben das Zusammenleben in einem dicht besiedelten, vulkanischen Gebiet, das regelmässig von Naturkatastrophen heimgesucht wird und die Jahrhunderte lange Abschottung von der restlichen Welt. Auch der arbeitsintensive Reisanbau machte Zusammenarbeit nötig, überleben konnte man nur in der Gruppe. Das Individuum hatte stets in den Hintergrund zu treten. Ein japanisches Sprichwort, das übrigens auch in China gebraucht wird, verleiht diesem Primat der Gemeinschaftsinteressen Ausdruck: «Deru kui wa utareru» bedeutet «der Nagel, der herausragt, wird eingeschlagen».

Herausragende Nägel werden hingegen in der amerikanischen Kultur bevorzugt; individuelle Leistungen und hervorragende Persönlichkeiten werden gewürdigt. Im Land der Oscars wird jeder dazu ermutigt, auf (s)einer Bühne zu glänzen und eine Auszeichnung einzuheimsen: Awards, Awards und nochmals Awards! Wer sich anstrengt, wird zum «Mitarbeiter des Monats» oder des Jahres gekürt. Man ist entweder ein Winner oder ein Loser. Slogans wie «just do it» sind repräsentativ für die amerikanische Kultur. Deshalb ist es dort kein Problem, die eigenen Leistungen anzupreisen und über sein Einkommen offen zu sprechen. Der individuelle Erfolg wird bewundert.

Persönliche Beziehung statt Fakten

Ein eher kollektivistisches Image haftet den Russen an; persönliche Beziehungen sind in Russland Voraussetzung für Vertrauensbildung und Zusammenarbeit. Ausländer müssen sich behaupten, ehe sie das Vertrauen von Russen gewinnen. «Nur Idioten lächeln grundlos.» sagt man in Russland. Das Lächeln von Westeuropäern wirkt auf viele Russen eher verdächtig, bzw. heuchlerisch. Sie sind gegenüber Ausländern eher distanziert und formell; diese Formalität ist für sie aber auch ein Zeichen von Respekt. In weiblicher Begleitung sprechen Männer gerne von ihrem Besitz und ihren Aktivitäten: Sport, Geschäft, Leistungen. Sie sind stets bemüht, gute Erzähler zu sein, so wie es russische Frauen schätzen.

Der Kommunikationsstil von Arabern zielt darauf ab, die Empfindlichkeit des Gegenübers zu berücksichtigen. Unser Protagonist der arabischen Welt heisst Khalil. Sein Leitspruch lautet: «Wenn du den Pfeil der Wahrheit abschiesst, lege zuerst dessen Spitze in den Honig.» Die Wahrheit zu sagen, rechtfertigt keine forsche Kommunikation. Auch hier kommt die Beziehung vor der Sache. Khalil lebt in der Gegenwart und manchmal in der Vergangenheit, über die Zukunft drückt er sich vorsichtig aus. Die Zukunft liegt nämlich nicht in den Händen der Menschen; «El Mektub» heisst wortwörtlich «die Schriften» und bedeutet das Schicksal. Und das Schicksal aller Menschen wurde von Gott schon längst geschrieben.

Demut gegenüber Zukunft und Stille

Es ist eine Grundannahme der Araber, dass der Mensch nur etwas bewegen kann, wenn Gott es auch will. Deshalb… fragen Sie Khalil, ob er sich mit Ihnen am nächsten Tag zum Mittagessen verabreden möchte. Die Chancen sind gross, dass er mit einem «inschallah» antwortet. Das bedeutet «mit Gottes Willen» und ist ein Ausdruck von Demut. Allerdings vermeidet auch dieses «sogottwill» eine klare Stellungnahme. Wie die Japaner lassen also auch Araber Raum für Ambiguität. Den Europäern bleibt nur eins übrig: Ambiguitätstoleranz zu entwickeln.

Auch für die Stille oder das Schweigen. Denn: Bekanntlich kann man ja «nicht, nicht kommunizieren», allerdings lässt sich die Stille ganz unterschiedlich deuten. Ein französisches Sprichwort besagt: «Qui ne dit mot, consent» (wer nichts sagt, ist einverstanden). Itsuko hätte hingegen schweigend das Angebot abgelehnt. Wir sollten uns also davor hüten, das Stillschweigen immer mit stillschweigendem Einverständnis gleichzusetzen. Über den Wert der Stille sind sich die Kulturen übrigens trotz unterkultureller Gräben erstaunlich einig. Wahrhaftigkeit sei in der Ruhe zu finden, sagen die Japaner. Auch die Franzosen und Deutschen bewerten das Schweigen höher als das Wort: «La parole est d’argent, mais le silence est d’or» sagt man in Frankreich (Reden ist Silber, Schweigen ist Gold).

* Nourredine Yous bietet mit seiner Firma intermedio (vormals intermediaction) interkulturelle Trainings an. Er hat nach einer Tätigkeit als Banker im internationalen Umfeld an der EB Zürich diverse Kurse und Bildungsgänge besucht, u.a. ist er Absolvent des Bildungsgangs Journalismus.