Franzoesischer Kommunikationsstil

Das Selbstbild der Franzosen – und was die Deutschschweizer dazu sagen

Mit den Franzosen haben die Schweizer kulturell mehr Gemeinsamkeiten als mit Arabern oder Asiaten. Trotzdem führt der unterschiedliche Kommunikationsstil beider Gemeinschaften oft zu Missverständnissen. Das verraten nicht zuletzt die Klischees, die in beiden Kulturen genährt werden. Was ist nun Klischee und was ist Realität? Wir wollten diesen Fragen nachgehen und haben an einem speziellen Event die Mitglieder einer französischen Gemeinschaft gefragt, wie sie ihre Kultur sehen und was sie von den Deutschschweizern halten.

1. Skizze der französischen Kultur

1.1. Widersprüchliche Werte

In einem ihrer Gedichte beschreibt Fanny de Beauharnais die Franzosen als widersprüchlich, frivol und kindisch. Sie war eine Poetin und Schriftstellerin des 18. Jahrhunderts. Kaum zu glauben, dass eine Icone der französischen Literatur ihre Mitbürger derart disqualifiziert. Was ist wirklich dran?

Die Franzosen sind widersprüchlich in ihrer Einstellung. Zumindest wenn es um Individualismus und Machtdistanz geht. Das bestätigt Edward T. Hall, ein zeitgenössischer amerikanischer Psychologe und Buchautor. Individualisten definieren sich in ihrem Selbstbild als „Ich“- und nicht als „Wir“-Personen. Die Kulturdimension „Individualismus“ bringt auch zum Ausdruck, zu welchem Grad Personen gewillt sind, für sich selbst zu sorgen und weniger Hilfe von Aussen erwarten. Die andere Kulturdimension „Machtdistanz“ sagt aus, inwiefern Mitglieder einer Kultur das Machtgefälle akzeptieren. Bei den Franzosen kollidiert also ein hoher Individualismus-Index mit einem ebenfalls hohen Machtdistanz-Index, so Hall. Die Kulturdimensionen-Indexe von Gert Hofstede, eine Ikone der interkulturellen Psychologie, bestätigen diese Einschätzung. Individualisten, die Hochachtung vor Hierarchien haben? Passt nicht wirklich zusammen. Das kommt am Arbeitsplatz so zum Ausdruck, dass Vorgesetzte von ihren Mitarbeitenden Gehorsamkeit erwarten. Mitarbeitende zeigen ihrerseits viel Respekt vor der Hierarchie, zeigen sich aber gerne eigenwillig.
Ein anderes Beispiel von widersprüchlichen Einstellungen ist, dass das Volk einen starken Staat wünscht. Die französische Regierung war immer zentralistisch und der Präsident hat im Vergleich zu anderen europäischen Länder hohe Befehlsbefugnisse. Emmanuel Macron hat daran nichts geändert, ganz im Gegenteil. Gleichzeitig ist dasselbe Volk jederzeit bereit, gegen die staatliche Macht zu protestieren und zu streiken.

1.2. Der Personenkult und die Grande Nation

Der Personenkult macht sich überall bemerkbar. Wer aufmerksam durch die Strassen von Paris bummelt, bemerkt schnell die riesige Anzahl von Statuen von französischen Persönlichkeiten aus der Geschichte. Status, Rangordnung und Formalität sind ihnen sehr wichtig. Das ist „La Grande Nation“.

Ferner kennzeichnet sich das Verhalten der Franzosen durch Ungeduld und Offenbarung von Emotionen. Sie bringen sowohl ihren Ärger als auch ihre positive Gefühle wie Sympathie und Liebe unverhüllt zum Ausdruck. Allerdings stehen ihre Emotionalität und ihr starker Sinn für Pragmatismus und Logik im Konflikt Das hat auch Hall unterstrichen. In der Tat hat das rationelle Denken für die Franzosen einen hohen Wert. Der Philosoph und Mathematiker Descartes beeinflusst immer noch ihre Denkweise (l’esprit cartésien). Trotzdem hat die Planung in Frankreich einen anderen Stellenwert als in Deutschland und der Schweiz. Eins nach dem anderen, heisst es in der Schweiz. Die Franzosen gehen mehrere Sachen gleichzeitig an. Hall bezeichnet sie deshalb als „polychron“, im Gegensatz zu den „monochronen“ Schweizern und Deutschen. Vielleicht ist es aufgrund ihrer polychronen Arbeitsweise, dass Franzosen eine andere Art als Schweizer haben, mit Terminen und Deadlines umzugehen.

1.3. Ein Kommunikationsstil, den nicht jeder versteht

Im Kommunikationsstil kommt die Kultur einer Gemeinschaft deutlich zum Ausdruck. Nehmen wir ein Beispiel: Sollten Sie mit französischen Managern zum Abendessen eingeladen sein, sprechen Sie besser nicht über das Geschäft. Es ist ein Anlass, an dem die Franzosen über Gott und die Welt sprechen wollen. Es gilt dann, die eigene „culture générale“ (Allgemeinbildung) unter Beweis zu stellen. Die Franzosen lieben es stundenlang über Politik, Geschichte und Philosophie zu diskutieren. Sie haben ebenfalls eine Vorliebe für die schöne, gepflegte Sprache. Ein Stil, den wir Schweizer tendenziell als kompliziert empfinden.
Ein zusätzliches Merkmal macht der französische Kommunikationsstil noch komplexer. Wo der Deutsche sehr weit ausholt und alle Details einer Situation seinem Gegenüber liefert, zeigt sich der Franzose sparsam. Der Franzose mutet seinem Gegenüber zu, dass die Situation, der Kontext also, diesem bestens bekannt ist. Weit ausholen wirkt belehrend. Hall spricht von „High Context“- im Gegensatz von „Low Context“-Kulturen. Die Franzosen kommunizieren vorwiegend „High Context“. Interessanterweise wie bei den asiatischen und arabischen Kulturen. Dass dadurch viel Potential für Missverständnisse steckt, liegt auf der Hand.

1.4. So frivol und kindisch sind die Franzosen doch nicht

Im Hinblick auf die obenerwähnten Werte und Kommunikationsstil ist Frankreich eine Ausnahme unter den westlichen Ländern: In fast allen anderen Ländern ist der Individualismus hoch, aber die Machtdistanz tief. So ist es auch in der Schweiz. Kulturen, die einen tiefen Individualismus aufweisen, haben in der Regel eine hohe Machtdistanz und umgekehrt. Auch die Polychronie und den „High Context“-Kommunikationsstil machen die französische Kultur zu einer Ausnahme. Pikanterweise nehmen die Franzosen in der Welt auch gerne einen Ausnahme-Status in Anspruch. Da kommt wieder „La Grande Nation“ zum Ausdruck. Schliesslich haben sie in grossen Teilen von Afrika, Asien und Canada die französische Kultur exportiert. Ob dies ihren Anspruch rechtfertigt sei dahin gestellt.
Ein Porträt der Franzosen wäre aber unvollständig und vor allem ungerecht, wenn man nicht noch ihre Kreativität, ihren Humor und ihren Idealismus erwähnen würde. Neben der Haute Cuisine, die Bordeaux-Weine und die Designer-Mode, verdanken wir ihnen die internationalen Menschenrechte, und somit etwas mehr Gerechtigkeit in der Welt.

2. Was die Franzosen selbst zu ihrer Kultur sagen

Wir wollten wissen, wie die Franzosen im Vergleich zu den Deutschschweizern ticken. Wie werden Deutschchweizer von den Franzosen wahrgenommen? Wie sehen wir die Franzosen? Und schliesslich, wie sieht das Selbstbild der Franzosen aus?
An einem unserer Geschäfts-Anlässe haben wir die Mitglieder von „Zürich Accueil“ zu uns eingeladen und diese Fragen mit ihnen debattiert. Da gab es ein paar Überraschungen. Die untenstehende Tabelle fasst zusammen:

  • Wie die Franzosen sich selbst wahrnehmen
  • Wir denken kartesisch (rationell, nach der Lehre Decartes)
  • WIr sind die kulturelle Ausnahme
  • Wir leben als Freigeister
  • Wir sind arrogant, Nörgler und undiszipliniert
  • Wir pflegen den Personenkult
  • Wir nörgeln gegen den Staat, erwarten aber alles von ihm
  • Wie die Deutschschweizer die Franzosen wahrnehmen
  • Sie blasen alles auf und wirken theatralisch
  • Sie sind Schönredner
  • Sie sind sensibel, schnell gekränkt und nehmen alles persönlich
  • Sie sind stolz und altmodisch
  • Der Franzose ist formell, es muss „comme il faut“ sein
  • Französische Männer sind Charmeure und Gentlemen
  • Wie die Franzosen die Deutschschweizer wahrnehmen
  • Die Schweizer sind zu ernst
  • Sie sind langsam
  • Sie sind stur aber auch effizient
  • Sind sind Innovateure
  • Planen, organisieren und Disziplin sind ihre Stärken
  • Wir nörgeln gegen den Staat, erwarten aber alles von ihm

Die Zürcher Vereinigung „Zurich Accueil“ war an jenem Workshop mit ca. 15 Personnen vertreten. Es handelte sich natürlich nicht um einen Dialog mit allen Franzosen, und die in dieser Tabelle aufgeführten Aspekte sind persönliche Meinungen. Auffällig ist jedoch die Übereinstimmung zwischen den in dieser Gruppe immerhin einstimmigen Meinungen und der im Paragraph „Skizze der französischen Kultur“ zusammengefassten Sicht der Psychologen Hall und Hofstede.

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Autor: Noureddine Yous