Von Afrika lernen, wie Urvertrauen gegen Fremdenangst schützt

und als zentraler Baustein die Resilienz fördert

12. April 2019

Ein Begriff, der oft mit der Resilienz in Verbindung gebracht wird, ist das Urvertrauen. Urvertrauen soll sich schon sehr früh nach der Geburt entwickeln. Es zeigt sich u. a. in den ersten Lebensjahren am Vertrauen, mit welchem Kinder Erwachsenen begegnen. Laut Psychologen ist die Angst vor Fremden eine menschliche, universelle Emotion. Doch, bestimmte afrikanische Kulturen scheinen ein Antidote gegen Fremdenangst zu haben.

Keinen Raum für Fremdenangst

Im Alter von sechs bis zwölf Monaten fangen Säuglinge an, vertraute Menschen zu bevorzugen und auf unbekannte Erwachsene mit Ablehnung und Angst zu reagieren. Interkulturelle und anthropologische Studien haben jedoch gezeigt, dass das Phänomen der Fremdenangst in den verschiedenen Kulturen variiert. Fremdenangst ist in westlichen Familien des Mittelstandes häufig zu finden, wo Mütter die Hauptbetreuer sind, was zur Bildung exklusiver, bilateraler Mutter-Kind-Beziehungen führt. Im Säuglingsalter basiert die Säuglingspflege im ersten Lebensjahr auf häufige bilaterale Mutter-Kind-Interaktionen, anlässlich denen positive Emotionen mehrheitlich nonverbal ausgetauscht werden. Je nach Kultur unterscheidet sich die Art der Pflege von Säuglingen erheblich. In afrikanischen Ländern wachsen viele Säuglinge in Großfamilien mit manchmal bis zu 20 verschiedenen Betreuern auf. Hiltrud Otto, Dr. der Sozialwissenschaften, lebte zwecks einer Studie über  Emotionsregulation zusammen mit Familien der kamerunischen Nso-Farmern und beobachtete Kleinkindern. In der Interaktion mit Fremden reagierte nur ein Drittel dieser Kinder vom Anfang an negativ. Es waren alle Kinder, die mit Müttern allein, unter schwierigen Bedingungen und ohne soziale Unterstützung lebten. Alle anderen beobachteten Kinder reagierten ruhig und neutral.

Afrika Kultur und Resilienz intermedio

Afrika Kultur und Resilienz intermedio

Nso Mütter glauben, dass Kinder nur so lange zu ihnen gehören, wie sie im Mutterleib sind. Einmal geboren „gehört ein Kind nicht zu einem Elternteil oder zu einem Heim“; stattdessen „braucht es ein ganzes Dorf, um das Kind aufzuziehen“ (afrikanisches Sprichwort). Diese Idee wird praktisch gelebt. Für Kinder bedeutet dieser kollektive Ansatz der Erziehung die Verfügbarkeit einer Vielzahl von Betreuern, Lehrern, und Spielkameraden gleichermaßen, so dass sie schon früh in großen sozialen Netzwerken sich zu integrieren lernen (Otto, 2008). Ähnliche Studien bei den Aka-Sammlerinnen in der Zentralafrikanischen Republik und bei den Beng-Farmern von der Elfenbeinküste haben darüber hinaus angegeben, dass Kinder von Geburt an lernen, Fremden gegenüber freundlich zu sein, sich ihnen vertrauensvoll zu nähern und sich dabei wohlzufühlen. Fremdenangst ist demzufolge bei den kamerunischen Nso, den zentralafrikanische Aka oder den ivorischen Beng Kindern kaum zu beobachten.

Die Keime des Teamgeistes

Die Entwicklung von Kindern in afrikanischen, gemeinschaftsorientierten Gesellschaften ist auf die frühe Entwicklung der physischen und motorischen Unabhängigkeit ausgerichtet, wobei die Handlungsautonomie betont wird. Sie lernen Anpassung, Respekt und Gehorsam im Sinne der hierarchischen Ordnung der Gemeinschaft zu leben. Das Sicherheitsgefühl eines Kindes gründet auf dem Vertrauen, dass die Verfügbarkeit und die Verlässlichkeit einer Pflegeumgebung gegeben ist und nicht auf einzelne exklusive emotionale Bindungs-beziehungen. Demgegenüber zielt die westliche bürgerliche Erziehungsphilosophie auf Einzigartigkeit sowie auf die Verwirklichung individueller Wünsche, Vorlieben und Intentionen, d.h. auf psychologische Autonomie des Individuums. Aufgrund dieser Konzeption des autonomen „ich“ beruhen Beziehungen auf Getrenntheit und Auswahl.

Urvertrauen und Resilienz intermedio

„For all their own demons, my grandparents and my mother always made me feel I was the most important person in the world to them. Most children will make it if they have just one person who makes them feel that way. I had three“.

(Bill Clinton, 2005)

Resilienz braucht Selbstvertrauen und Optimismus

Natürlich ist dieser Erziehungsaspekt nicht allein förderlich für eine starke Resilienz, bzw. Stresskompetenz. Bill Clinton, der ehemalige US-Präsident der von seinen mütterlichen Grosseltern hoch gezogen wurde, sagt in seiner Biographie („My Life“, 2005): „Jenseits ihrer eigenen Dämonen gaben mir meine Großeltern und meine Mutter immer das Gefühl, für sie die wichtigste Person der Welt zu sein. Die meisten Kinder würden es schaffen, wenn sie nur eine Person haben, bei der sie sich so fühlen. Ich hatte drei“. Das Gefühl geliebt, geborgen und wertschätzt zu sein puscht das Selbstvertrauen eines Kindes in hohen Sphären. Genau dieses früh entwickelte Selbstvertrauen ist der Sockel für eine stabile Persönlichkeit, einen gesunden Optimismus und ein starkes Immunsystem, alles Merkmale, welche die Resilienz ausmachen.

„So, here‘s my question. Can you take a person who’s had thirty of even fifty years of practice at thinking pessimistically and change him into an optimist? The answer to that question is yes“

(M.Seligman, 2006)

Optimismus und Resilienz sind lernbar

Was bedeuten nun diese Studien über Fremdenangst und Vertrauen im frühen Kindesalter? Ich verbinde diese Beobachtungen mit dem Urvertrauen, das Viktor Frankl als Basis der Resilienz in seinem millionenfach verkauften Werk „Trotzdem ja zum Leben sagen“ beschreibt. Das in der Kindheit entwickelte Urvertrauen schmiedete seine psychische Widerstandsfähigkeit derart, dass er das Nazi-Konzentrationslager nicht nur physisch, sondern auch mental überlebte. Woher kommt dieses Urvertrauen? Woher, wenn nicht von der schon seit der Geburt erlebten Fürsorge eines wohlwollenden, warmherzigen menschlichen Umfeldes. Wer daran noch nicht glaubt, kann sich von den Statistiken für psychische Störungen inspirieren lassen: Alle bisherigen Studien belegen, dass Menschen in Afrika sich deutlich schneller als Europäer von psychotischen Krankheiten wie z. B. die Schizophrenie erholen. Die Psychiatrie ist der Meinung, dass das menschliche Umfeld der betroffenen Patienten dabei eine entscheidende Rolle spielt.

Was ist nun, wenn Menschen das Urvertrauen nicht in der frühen Lebensphase geschenkt bekommen haben? Glücklicherweise belehrt uns insbesondere die Positive Psychologie, dass Optimismus, Selbstvertrauen und Resilienz erlernbar sind. Dabei spielt die Fähigkeit eine zentrale Rolle, über die eigene Persönlichkeit und das eigene Umfeld zu reflektieren.

Jan Samir Yous teaching Englisch at the Nyota Ing’arayo School in Mombasa, a Kenyan institution he has been supporting now for many years and for which he founded „Light Up the Stars“.

Noureddine Yous
intermedio