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Zwischen Guantanamera und Guantanamo

Und die Sehnsucht nach Freiheit

Juan-Ramon sagt uns im Februar 2015 in Havanna, dass Cuba zum ersten Mal zur Teilnahme an die „Cumbre de las Americas“, die Versammlung der Präsidenten der amerikanischen Staaten, eingeladen ist. Zum ersten Mal seit 1959 würden ein kubanischer und ein amerikanischer Präsident im gleichen Raum sitzen. Seine Stimme klingt dabei hoffnungsvoll. Wir wussten noch nicht, dass das Handshake am 15. April tatsächlich stattfinden wird. Wir wollten aber verstehen, warum die Sehnsucht der Kubaner nach Freiheit so gross ist. Zwischen Guantanamo und Guantanamera steht die Antwort.

Kulturelle Grenzen verschieben

Franziska und ich nehmen dort die cubanische Kultur unter die Lupe. Juan-Ramon ist Journalist, Mitglied des Lektorats des Obergerichtes von Havanna und Spanischlehrer. Die Sprache von Cervantes beherrschen wir beide genügend gut um Juan-Ramon während insgesamt 25 Stunden über alle Aspekte der cubanischen Kultur, der Geschichte und des Soziallebens in seiner Muttersprache zu interviewen. Den Tagen in Havanna folgt eine Rundreise über das Land nach Viñales, Sora, Cienfuegos, Trinidad und Santa Clara mit unserem Guide Pepe. Intensive Recherchen in einheimischen Dokumenten und Büchern während und nach der Reise ergänzen unsere Erlebnisse. Heute  fühlen wir uns mit Cuba auf eine besondere Art verbunden. 

Der Preis der Freiheit

Die Strassen sind teilweise unbrauchbar. Leitungswasser wird nicht zum trinken empfohlen. Anschluss an das Internet oder an das Mobile-Netz zu finden ist eine Herausforderung und die Ladenregale sind oft leer. Eine Ausnahme bildet die Halbinsel Hicacos, besser bekannt unter dem Namen der Stadt Varadero. Dort reihen sich Luxushotels entlang wunderschönen

Stränden zum Vergnügen von jährlich drei Millionen Touristen. Uns hat aber das Cuba der Kubaner verführt, wo der materiellen Not mit Lebensfreude getrotzt wird, wo Christentum und afrikanische Religionen die gleichen Götter verehren und wo nur der gegenwärtige Augenblick zählt.
Nie haben wir den engen Zusammenhang zwischen Geschichte und Kultur eines Volkes so klar gespürt wie in Cuba. “Guantanamera” und Guantanamo gehören zur Geschichte und zur Gegenwart Cubas. Der Text des Volksliedes “Guantanamera” stammt aus den Versen Jose Martis und ruft die Sehnsucht der Cubaner nach Freiheit wach. Guantanamo erinnert sie daran, dass sie noch nicht ganz frei sind.

José Martí, Poet und Nationalheld

Statue von José Marti in Cienfuegos.

Mehr als Fidel Castro und “Che” Guevara, symbolisiert José Martí die Identität Cubas. Der Schriftsteller, Poet, Journalist und Politiker Marti ist die herausragende Figur des kubanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Kubaner verlieren 1878 einen ersten Krieg gegen die spanische Besatzungsmacht nach 10 Jahren Guerilla. 1892 gründet Marti im US-Exil die kubanische Revolutionspartei. Als der Krieg drei Jahre später ausbricht, wird Martí von drei spanischen Schüssen tödlich getroffen. Drei Jahre später, am 12. August 1898,  wird Cuba mit Hilfe der USA zum ersten Mal in ihrer Geschichte unabhängig. Jenseits ihrer Befreiung von vier Jahrhunderten spanischer Herrschaft hat Martì den Cubanern das Bewusstsein vermittelt, eine Nation zu sein.
Martì veröffentlicht vier Jahre vor dem Krieg seine “Versos Sencillos” (einfache Verse), eine Sammlung von Gedichten. Das Gedicht “Guantanamera” wird  1935 als Guajira-Improvisation im Radio weltberühmt. “Guajira” ist ein musikalisches Improvisationsmodell. Der Refrain “Guajira Guantanamera” ist ein Wortspiel und heisst sowohl “Guajira-Lied aus Guantanamo” als auch “Bäuerin aus Guantanamo”.
Die Stadt Guantanamo liegt ganz im Osten von Cuba in der Provinz des gleichen Namens, vormals Provinz Oriente, und sorgt heute vor allem als Stützpunkt des amerikanischen Militärs und Gefängnis weltweit für negative Schlagzeilen. Ironischerweise hat sich der letzte und erfolgreiche Aufstand der Kubaner gegen die spanische Besatzungsmacht in der gleichen Provinz entfacht.
Das Händeschütteln im letztem April zwischen Obama und Raoul hat vermutlich den Anfang einer neuen Ära der diplomatischen Beziehungen zwischen Cuba und den USA eingeläutet. Guantanamo bleibt aber ein heisses Eisen, über das hart verhandelt werden muss. Über die Gültigkeit des 113 Jährigen Pachtvertrags sind sich die zwei Regierungen nicht einig. Die Kubaner wollen Guantanamo wieder haben. Sollte es ihnen gelingen, wetten wir, dass “Guantanamera” in aller Munde sein wird.

Die Zutaten der Salsa

Die kubanische Musik trägt die Spuren der Landesgeschichte in sich.  Das Land wird u.a. mit Salsa in Verbindung gebracht, obwohl ausgerechnet dieser Musikstil nicht in Cuba, sondern in New York entstanden ist.  Allerdings sind es kubanische Musiker, die dort aus verschiedenen anderen Musikstilen diese neue „Sauce“ zubereitet haben.

VIDEO: Buena Vista Social Club in Havanna (Feb. 2015)

Salsa nistet sich später via Puerto Rico in die Heimat ihrer Erfinder ein und wird dort u.a. als „Timba“ weiterentwickelt. Die weltbekannte Salsa-Marke „Buena Vista Social Club“, die ab 1998 von verschiedenen Bands auf internationalen Tourneen benützt wird, lebt bis heute.
Die Musikstile aus Cuba haben seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine dominierende Rolle

gespielt. Sie beherrschen die lateinamerikanische Musikindustrie bis zu den 50er-Jahren. Schon 1908 strahlt der “Son” jenseits der cubanischen Grenzen, bevor die Guaracha, der Bolero, der Mambo und der Cha-Cha-Cha sukzessiv die Welt erobern.

Die Politik lässt die Musik ersticken

Die Verlegung der kubanischen Musikimpulse in die USA findet ihre Ursache in der  kubanischen Revolution von 1956-1959. Wie allen kubanischen Präsidenten seit der Unabhängigkeit, wird dem Diktator Batista vorgeworfen, eine korrupte Marionette der USA zu sein. Unter der Führung von Fidel und Raoul Castro, Ernesto Guevara und Camilo Cienfuegos starten die Aufständischen wieder einmal aus der Provinz Oriente ihren Angriff. Batista flüchtet in die USA. Fidel Castro ergreift die Macht und etabliert das bisherige sozialistische Regime. Im Januar 1961 brechen die USA die diplomatischen Beziehungen zu Cuba ab. Ausser Mexico schliessen sich sämtliche lateinamerikanische Länder den USA an.
Eine der bedeutendsten Protagonisten der cubanischen Musik ist 1960 auf Tournee in Mexico. Celia Cruz ist die Sängerin der Gruppe Sonara Mantacera. Sie kehrt anschliessend nicht nach Cuba zurück, sondern fliegt direkt nach New York wo sie sich als “Queen of Salsa” etabliert und weltweit bekannt wird. Dank ihrem musikalischen Talent und unglaublichem Charisma verleiht ihre Interpretation von “Guantanamera” dem Lied neue Dimensionen der Popularität. In den 60er Jahren machte daraus Pete Seeger eine Hymne für die US-Gewerschaften und die Gruppe „The Sandpapiers“ machte sie in der Pop-Szene weltweit bekannt.

Aber dem Musikgeschäft auf der Insel droht ein Kollaps. Das von den USA nach der Revolution verhängte Wirtschaftsembargo verunmöglicht das Exportieren von kubanischen Werken. Kubanische Sänger und Musiker dürfen nicht mehr von ausländischen Firmen unter Vertrag genommen werden. Sie verlieren de facto die Urheberrechte an ihren Kompositionen. Die kubanische Musik entwickelt sich dann im Ausland weiter, ausserhalb ihrer Heimat. Erst unter der Präsidentschaft des Demokraten Jimmy Carter  (1977-1981) wird der kulturelle Austausch zwischen Cuba und den USA etwas aufgelockert.
Neben der Timba als Variante der Salsa sind heute in Cuba der Reggaeton und der Cubaton populär. Der Rap ist ebenfalls präsent und dient, wie auch in anderen Länder, als Vehikel der Kritik des politischen Regimes. Die Band „Los Aldeanos“ sind bekannte Interpreten dieses Stils. Gemäss Juan-Ramon, unserem Kulturlehrer in Havanna, sind die Texte solcher Gruppen oft agressiv und vulgär.

Das kulturelle Erbe der Sklaven

Ob man in Havanna verweilst oder quer durch Cuba reist, überall begegnen einem Musik-Gruppen. Die Hautfarbe vieler Musiker lässt ahnen, wie gross der Einfluss der afrikanischen Rythmen und Tänze ist, u.a. der ab dem 16. Jahrhundert als Sklaven verschleppten Afrikaner aus dem heutigen Nigeria, Congo oder Benin. Allein in Kuba wurden 800’000 Menschen auf dieser Weise missbraucht. Sie durften unterwegs zum amerikanischen Kontinent nichts mitnehmen ausser ihrem Elend in den Augen und ihren Göttlichkeiten im Herz. Heute sind ihre Heiligen diejenige aller Cubaner. Ellegua kann Antonius von Padua oder das Jesuskind von Atocha  sein, Chango ist Santa Barbara, Oggún repräsentiert Petrus oder Paul je nach Region.
Heute wird die „Santeria“ von Kubanern aller Farben praktiziert. Wie wurde es möglich, dass das Christentum und die „Regla de Ocha“, eine Yoruba Religion, die Santeria ergeben konnten?
Dies wird Gegenstand unseres nächsten Artikels sein.

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