Die Landessprache ist uns vertraut und erleichtert das Eintauchen in die kubanische Kultur. Unsere Schule befindet sich in Havanna. Juan-Ramon Diaz ist Journalist, Mitglied des Lektorats des Obergerichtes von Havanna und während einer ganzen Woche unser exklusiver Kulturlehrer. Juan-Ramon, der von seinen Bekannten “die Enzyklopedie” genannt wird, sagt uns während einer Lektion, dass Kuba zum ersten Mal zur Teilnahme an die “Cumbre de los Americas”eingeladen ist. Die Cumbre (Gipfel) ist die Versammlung der Präsidenten der amerikanischen Staaten. Zum ersten mal seit 1959 würden ein kubanischer und ein amerikanischer Präsident im gleichen Raum sitzen. Seine Stimme klingt dabei hoffnungsvoll. Aber warum ist dieses Treffen für die Kubaner so bedeutend?
Im Gespräch mit Juan-Ramon
Die Sprache von Cervantes beherrschen wir beide genügend gut, um unseren kubanischen Lehrer während insgesamt 25 Stunden über alle Aspekte der kubanischen Kultur, der Geschichte und der Politik zu befragen. Wir stellen die Fragen, er erzählt und raucht Zigaretten. Dass der Kurs auf der offenen Terrasse stattfindet schätzen wir. Dabei werden die Sessions mit Ton und Bild aufgenommen.
Der Preis der Freiheit
Die Strassen der Hauptstadt sind teilweise unbrauchbar. Hahnenwasser ist verdächtig. Anschluss an das Internet oder an das Mobile-Netz zu finden, ist eine Herausforderung. Die Ladenregale sind meistens leer. Eine Ausnahme bildet die Halbinsel Hicacos, besser bekannt unter dem Namen der Stadt Varadero.
Nie haben wir den engen Zusammenhang zwischen Geschichte und Kultur eines Volkes so klar gespürt wie in Cuba. “Zwischen Guantanamo und Guantanamera” ist ein Wortspiel. Guantanamera” und Guantanamo gehören zur Geschichte und zur Gegenwart Kubas. Der Text des Volksliedes “Guantanamera” stammt aus den Versen Jose Martis und ruft die Sehnsucht der Cubaner nach Freiheit wach. Guantanamo erinnert sie daran, dass sie noch nicht ganz frei sind.
José Marti, das Bewusstsein einer Nation
Mehr als Fidel Castro und “Che” Guevara, symbolisiert José Marti die Identität Kubas. Der Schriftsteller, Poet, Journalist und Politiker Marti ist die herausragende Figur des kubanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Kubaner verlieren 1878 einen ersten Krieg gegen die spanische Besatzungsmacht nach 10 Jahren Guerilla. 1892 gründet Marti im US-Exil die kubanische Revolutionspartei. Als der Krieg drei Jahre später ausbricht wird Marti von drei spanischen Schüssen tödlich getroffen.
José Marti veröffentlicht vier Jahre vor dem Krieg seine “Versos Sencillos”,
Das Händeschütteln kam im letztem April zwischen Obama und Raoul Castro tatsächlich zu Stande. Diese Geste der Versöhnung sollte den Anfang einer neuen Ära der diplomatischen Beziehungen zwischen Kuba und den USA einläuten. Guantanamo bleibt aber ein heisses Eisen, über das hart verhandelt werden muss. Über die Gültigkeit des 113-jährigen Pachtvertrags sind sich die zwei Regierungen nicht einig. Die Kubaner wollen Guantanamo zurückgewinnen. Sollte es ihnen gelingen, wetten wir, dass das Lied “Guantanamera” wieder in aller Munde sein wird.
Die Zutaten der Salsa
Die kubanische Musik trägt die Spuren der Landesgeschichte in sich. Das Land wird u.a. mit Salsa identifiziert, obwohl ausgerechnet dieser Musikstil nicht in Kuba, sondern in New York entstanden ist. Allerdings sind es kubanische Musiker, die dort aus verschiedenen anderen Musikstilen diese neue „Sauce“ zubereitet haben. Salsa nistet sich später via Puerto Rico in die Heimat ihrer Erfinder ein und wird dort u.a. als „Timba“ weiterentwickelt. Die weltbekannte Salsa-Marke „Buena Vista Social Club“, die ab 1998 von verschiedenen Bands auf internationalen Tourneen benützt wird, lebt bis heute.
Die Musikstile aus Kuba haben seit anfangs des 20. Jahrhunderts eine dominierende Rolle gespielt. Sie beherrschen die lateinamerikanische Musikindustrie bis zu den 50er-Jahren. Schon 1908 strahlte der “Son” jenseits der kubanischen Grenzen, bevor die Guaracha, der Bolero, der Mambo und der Cha-Cha-Cha sukzessiv die Welt erobern.
“Hasta la victoria sempre!” …und die nächste Diktatur
Die Verlegung der kubanischen Musikimpulse in die USA findet ihre Ursache in der kubanischen Revolution von 1956-1959. Wie allen kubanischen Präsidenten seit 1902, wird auch dem Diktator Batista vorgeworfen, eine korrupte Marionette der USA zu sein. Unter der Führung von Fidel und Raoul Castro, Ernesto Guevara und Camilo Cienfuegos starten die Aufständischen wieder einmal aus der Provinz Oriente ihren Angriff. Batista flüchtet in die USA. Fidel Castro ergreift die Macht und etabliert das bisherige sozialistische Regime. Im Januar 1961 brechen die USA die diplomatischen Beziehungen zu Cuba ab. Ausser Mexico schliessen sich sämtliche Lateinamerikanische Länder den USA an.
Eine der bedeutendsten Protagonisten der kubanischen Musik ist 1960 auf Tournee in Mexico. Celia Cruz ist die Sängerin der Gruppe Sonara Mantacera. Sie kehrt anschliessend nicht nach Cuba zurück, sondern fliegt direkt nach New York wo sie sich als “Queen of Salsa” etabliert und weltweit bekannt wird. Dank ihrem musikalischen Talent und unglaublichen Charisma verleiht ihre Interpretation von “Guantamera” dem Lied neue Dimensionen der Popularität.
Celia Cruz, “Queen of Salsa”, 1925-2003
Die Kultur der Kubaner
Die Kubaner sind freundlich und offen. Trotz der harten Lebensbedingungen ist die Freude omnipräsent. Wenn sie sprechen liegt der Schwerpunkt nicht auf was gesagt wird, sondern auf ihre Körpersprache. Zurückschreiten um sich von einem Gesprächspartner zu distanzieren wird als sehr unhöflich empfunden. Da Kubaner sich tendenziell gerne dem Gesprächspartner in einer Art Komfortzone nähern, sind sie beleidigt sollte er diese Zone verlassen. Den Augenkontakt zu vermeiden kann auf die Kubaner als unehrlich wirken. Händeschütteln mit Frauen und Herren ist üblich. Nach ersten Kontakten oder unter Kollegen hat sich das Küssen in den letzten Jahren als normal etabliert.
Babalao aus Kuba
Ob man in Havanna verweilt oder quer durch Kuba reist, die Musik-Gruppen sind allgegenwärtig. Die Hautfarbe der Meisten Musiker lässt ahnen, wie gross der Einfluss der afrikanischen Rythmen und Tänze ist, u.a. der ab dem 16. Jahrhundert als Sklaven verschleppte Afrikaner aus dem heutigen Nigeria, Congo oder Benin. Allein in Kuba wurden 800’000 Menschen auf dieser Weise missbraucht. Sie durften unterwegs zum amerikanischen Kontinent nichts mitnehmen ausser ihrem Elend in den Augen und ihren Göttlichkeiten im Herz.
Heute sind ihre Heiligen diejenige aller Kubaner. Ellegua kann Antonius von Padua oder das Jesuskind von Atocha sein, Chango ist Santa Barbara, Oggún repräsentiert Petrus oder Paul je nach Region. Wie es möglich wurde, dass das Christentum und die „Regla de Ocha“, eine Yoruba Religion, in die von Kubanern aller Farben heute praktizierte „Santeria“ fusionieren konnten, ist extrem spannend. Dieser Prozess fing aber Jahrhundert bevor Guantanamo und Guantanamera und fand auch in ähnlicher Weise in Brasilien, wobei die aus der Mischung entstandene Religion Candonblé heisst.
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Autor: Noureddine Yous, intermedio