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Wie der Journalismus an unserer Resilienz nagt

Die Wirkung des vermittelten Weltbildes auf unsere Psyche

„If it bleeds, it leads!“ ist ein berühmter Ausspruch im Journalismus. Übersetzt heißt das in etwa: Wenn es blutet, dann steht es ganz oben (in den Schlagzeilen)! Dieser Spruch illustriert, wie die Zeitungen ihre Themen auswählen und uns das Weltgeschehen täglich präsentieren. Mit Artikeln, die sich vor allem auf die blosse Effekthascherei konzentrieren, streben sie nach dem kommerziellen Erfolg. Dieser täglich zusammengesetzte Nachrichtencocktail ist überwiegend bitter und das vermittelte Bild der Welt düster. Wie wirkt sich nun diese Art des Journalismus auf unsere Stimmung aus? Renommierte Psychologen haben sich dieser Frage angenommen, und ihre Antwort ist eindeutig: Der Journalismus ist heutzutage auf der ganzen Welt einer der bedeutenden Verursacher depressiver Erkrankungen!

Professor Martin Seligman, der Begründer der Positiven Psychologie, stellt die Frage: „Warum haben die Menschen insgesamt ein negatives Bild von unserer Welt?“ Seine Antwort schiebt er gleich nach: „Durch seine einseitige Informationspolitik trägt der Journalismus in hohem Maße dazu bei, eine falsche Weltanschauung zu verbreiten“. Eine Weltanschauung, die von Elend, Brutalität und Willkür geprägt ist. Es ist somit nicht weiter verwunderlich, dass die Mehrheit der Menschen heutzutage eine Weltsicht hat, die vor Pessimismus nur so strotzt.
Der breit getreute Pessimismus sei aber unbegründet. Alle relevanten Statistiken zeigen, dass die Welt sich allgemein zum Positiven verändere, so Seligman. Pessimisnus wirkt sich aber stark auf die psychische Widerstandsfähigkeit der Bürger, also auf ihre Resilienz.

Eine negative Vorstellung von der Zukunft begünstigt Depressionen

Gemäss der World Health Organization machen „psychische Störungen 20% der Krankheitslast in der Europäischen Region aus und innerhalb der Europäischen Union (EU) sogar 26%. Einige Länder, etwa Dänemark und die Niederlande, geben an, dass bis zu 50% der langen Fehlzeiten am Arbeitsplatz auf psychische Störungen und in erster Linie auf Depressionen zurückzuführen sind“.
2013 dokumentierte eine Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums die Lage in der Schweiz: Demnach gaben 2007 18,9% der Bevölkerung an, in den letzten zwei wochen depressive symptome gehabt zu haben. Frauen seien, übrigens wie in allen Ländern, am meisten betroffen. Tägliche Nachrichten drücken auf die StimmungEs ist zweifellos eine Priorität unserer Zeit, die hohen Raten von psychischen Störungen in und ausserhalb von Betrieben herabsinken zu lassen. Das gelingt allerdings besser, wenn von vornherein verhindert wird, dass die Menschen überhaupt krank werden. Aaron T. Beck, ein amerikanischer Psychologe, erklärte bereits im Jahr 1979, dass eine negative Vorstellung von der Zukunft einer der drei Faktoren ist, der zur Herausbildung von Depressionen beiträgt. Andere wissenschaftliche Studien haben inzwischen gezeigt, dass pessimistische Menschen prädestinierte Kandidaten für einen Herzinfarkt sind. Pessimismus ist nichts anderes als der Ausdruck einer individuellen Wahrnehmung des persönlichen und gesellschaftlichen Umfeldes. Eine negative Wahrnehmung, die unsere Resilienz zerstört. Umgekehrt führt eine optimistische Lebenseinstellung zu einem deutlich verringerten Risiko für Krankheiten aller Art. Anders als der Pessimismus, wirkt sich der Optimismus positiv auf die Resilienz von Individuen. Diverse Studien haben bestätigt, dass Menschen, die zu den Frohnaturen zählen, besser gegen weitverbreitete Erkrankungen wie Erkältungen und Grippe geschützt sind.

Das Wohlbefinden macht die Resilienz aus

Ein Klima des Vertrauens erhöht die körperliche und geistige Widerstandsfähigkeit des Einzelnen. Dies ist es auch, was wir unter anderem von der Positiven Psychologie lernen können. Im Gegensatz zur herkömmlichen Psychologie, liegt die Fokussierung bei der Positiven Psychologie nämlich auf den Maßnahmen, die dazu geeignet sind, das Wohlbefinden des Menschen zu fördern, anstatt sich ausschließlich auf die Krankheiten zu konzentrieren. Diese Orientierung basiert auf einem neuen Paradigma, demgemäss Gesundheit nicht mehr als die blosse Absenz von Krankheiten definiert, sondern als das Vorhandensein von Wohlbefinden. Demnach sollten wir uns unablässig darauf konzentrieren, günstige Bedingungen für die Entwicklung des Wohlbefindens des Einzelnen zu schaffen, indem wir die Umstände verbessern, in denen die einzelnen Menschen leben. Es geht hier um die Verantwortung, die jeder einzelne in diesem Zusammenhang trägt. Eltern, Politiker und Führungskräfte in Organisation sollten in ihrem Wirkungsbereich die Fahnenträger dieses Prinzipes sein.

Wie der Journalismus unsere Wirklichkeit konstruiert

Die Zeitungsredaktionen werden täglich von Informationen überschwemmt. Aus der täglichen Flut an Ereignissen selektieren sie diejenigen, die den höchsten „Nachrichtenwert“ haben. Was der Nachrichtenwert ausmacht entspricht jedoch keinen „objektiven“ Merkmalen, sondern wird von den Zeitungsredaktionen entschieden (Kepplinger & Bastian, 2000). Das „Framing“, also die „Rahmung“ eines Ereignisses besteht darin, den selektierten Ereignissen bestimmte Einordnungen und Bewertungen nahe zu legen. Der Konflikt im Gaza-Streifen z.B. kann als Terrorismus oder als humanitäre Notlage gerahmt werden (Scheufele & Scheufele, 2010). Nicht nur Journalisten bedienen sich dem Framing-Konzept. Auch Politiker und Unternehmen wenden es zur Genüge an. Alle beeinflussen nicht nur, worüber Menschen nachdenken (Framing), sondern auch, wie sie denken (Priming). Das „Priming “ sorgt dafür, dass eine geschickte Wortwahl sowie die Anwendung von ansprechenden Metaphern, den Leser in eine bestimmte Richtung lenken. Somit gibt der Kommunikator dem jeweiligen Thema eine eigene Färbung. Allerdings gehören Framing und Priming zur Kommunikationspsychlogie. Wir alle bedienen uns dieser Strategien. Die Frage ist jedoch, ob wir dabei faire Verhältnisse im Auge behalten oder das Gegenüber bloss manipulieren und somit Schaden anrichten

Die Ära des konstruktiven Journalismus ist eingeläutet

Cathrine Gyldensted ist die Direktorin des Instituts für „Konstruktiven Journalismus“ an der Universität Windesheim in den Niederlanden. Sie studierte Positive Psychologie an der University of Pennsylvania. Ein Interview mit einer Amerikanerin, die im Jahr 2008 zu einem Opfer der „Subprime“-Finanzkrise geworden war und gleichzeitig ihr Haus und ihre Arbeitsstelle verloren hatte, erwies sich für sie als Schlüsselerlebnis. Zu ihrem großen Erstaunen sagte die Frau, dass sie aus all ihrem Unglück dennoch gelernt habe und sie glücklich sei. „Was haben Sie denn gelernt?“, fragt Gyldensted. Die Frau, die an einem einzigen Tag alles verloren zu haben schien, vertraute ihr an, auf was sie sich freue. Sie sei glücklich darüber, festgestellt zu haben, dass sie viel stärker sei als sie es jemals gedacht hätte. Sie entdeckte die Wärme in ihrem Herzen, welche die unterstützenden Menschen um sie herum auslösten. Und sie habe das Gefühl, nun auf einmal ein besseres Verhältnis zu ihrem Sohn zu haben. Für Gyldensted war das ein Aha-Erlebnis. Sie hatte diese Frau zuvor ausschließlich als Opfer betrachtet, während die Amerikanerin eine viel positivere Version ihrer Situation schilderte. Diese Sicht integrierte eben auch die positiven Folgen ihres unglücklichen Schicksalsschlags in ihrer eigenen Wahrnehmung. Von dieser Sicht der Dinge müsse sich der moderne Journalismus inspirieren lassen.

null Die Zeitungen scheinen zu glauben, dass man nur mit dem Finger auf alles zeigen müsse, was nicht so ist, wie es sein sollte, damit unsere Gesellschaft sauber und gesund bleibt. Laut Gydensted und mehreren anderen Journalisten, die sich ihrer Bewegung angeschlossen haben, ist dieser Glaube falsch. Es fehlt dabei alles was gut ist in unserer Welt, und was mit Hilfe von passenden Lösungsvorschlägen oder durch das Stellen der richtigen Fragen besser gemacht werden könnte. Es geht überhaupt nicht darum, all das vor der Öffentlichkeit zu verbergen, was nicht in Ordnung ist, sondern um einen ausgewogeneren Ansatz bei der Berichterstattung über die täglichen Ereignisse. Dies gelingt indem man die guten Entwicklungen und das Potenzial für positive Fortschritte betont – einschließlich der Chancen, welche eine gegebene Situation bietet. Ein Ansatz also, der deutlich über das einfache „mit dem Finger auf etwas zeigen“ hinausgeht. Eine Berichterstattung, die ihren Schwerpunkt nicht auf spektakuläre Ereignisse legt oder sich gar allein darauf beschränkt. Eine Informationsversorgung, welche die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und mehrere Optionen für den Umgang mit ihnen aufzeigt. Diese aufschlussreichen Informationen wären dann eine großartige Hilfe für die Politiker, die Entscheidungsträger in der Wirtschaft und nicht zuletzt auch für die Bürger. Dies ist die Art und Weise, auf die ein konstruktiver Journalismus zu einer realistischeren und positiveren Sicht auf die Welt beitragen und ein Klima des Vertrauens fördern kann.

„Wir weigern uns, mit den Ängsten und
Gefühlen unserer Leser zu spielen!“

Einige Journalisten und einzelne Medien haben ihre Berichterstattung bereits korrigiert. Gyldensted nennt uns einige davon, darunter Erika Bjerstrom vom schwedischen nationalen Fernsehen und Tina Rosenberg, die Gründerin von „Network Solutions of Journalism“ in New York. Alan Rusbridger ist der ehemalige Chefredakteur von „The Guardian“. Gyldensted erzählt uns eine Anekdote über diese Persönlichkeit: Während die Redaktion von „The Guardian“ hochkonzentriert an ihren Artikeln über das Thema der globalen Erwärmung arbeitete, schaltete er sich mit dem Vorschlag in den Arbeitsprozess ein, man solle doch Visionen über die Zukunft hinzufügen und konkrete Lösungen vorschlagen. Zu den Kritikern seines Berufsstandes sagte er diese Worte: „Eure Kritik interessiert mich nicht. Das Thema ist viel zu ernst und es betrifft uns alle. Wir müssen also den Fokus auf unsere Zukunftsperspektiven und die Einbeziehung von konkreten Lösungen legen.“

Die niederländische Zeitung „De Correspondent“ liefert uns ein weiteres Beispiel für konstruktiven Journalismus, denn sie definiert ihre Mission wie folgt: „Ein Gegengift gegen die Flut der täglichen Nachrichten zu liefern – Den Fokus von der bloßen Effekthascherei hin zum Tiefgründigen und von der Schlagzeilenmacherei hin zu konstruktiven Beiträgen zu verlegen. Wir weigern uns, mit den Ängsten und Gefühlen unserer Leser zu spielen, und arbeiten ganz im Gegenteil daran, die zugrundeliegenden Kräfte zu entdecken, die unsere Welt formen“. Auch in der Schweiz bläst ein neuer Wind. Die dieses Jahr von einer Gruppe französischsprachiger Journalisten geschaffene Webseite unter dem Namen ” Bon pour la tête ” plädiert ebenfalls für einen konstruktiven Journalismus. ” Der Sinn besteht darin, Einstellungen wie ” das versteht sich von selbst” zu beenden und eine Auseinandersetzung anzugehen, die jenseits der gewöhnlichen Verbindungen und Einflußbereichen geht”, sagt uns einer dieser Journalisten.

Fazit: Der heutige Journalismus ist nicht für alle depressiven Erkrankungen der Welt verantwortlich. Es steht aber fest, dass ein konstruktiver Journalismus viel dazu beitragen kann, die Zahl der Menschen, die unter Depressionen leiden, zu reduzieren. Mehr Optimismus, mehr positive Emotionen in der Bevölkerung zu streuen wäre ein Segen für zahlreiche Menschen. Denn, um dies nochmals zu betonen: Eine negative Sicht der Welt und der Zukunftsaussichten macht die Menschen anfälliger für physische und psychische Erkrankungen. Optimismus und Wohlbefinden dagegen stärken ihre Resilienz.

Autor: Noureddine Yous, intermedio

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